Marco Kaufman – Fotografie oder: Ich nehme mir einen Moment Zeit.

Ich spüre, dass die Fotografie Marco Kaufmanns von seiner Malerei durchdrungen ist. Ich sehe in seinen Aufnahmen die Beschäftigung mit Farbe und Form, die genaue Analyse des Bildaufbaus, den langwierigen, tiefgründigen Blick, der einen Maler ausmacht. Wie für seine Bilder brauche ich auch für die Fotos Zeit, um sie zu begreifen, sie zu verinnerlichen.

Ich sehe den Rücken einer Frau im Foto "23.06." und werde zunächst von dem Schlitz ihres modischen Pullovers abgelenkt. Fast bin ich empört über die Aufdringlichkeit der weißen Herzchen auf dem Stoff; sie stören die gerade Form. Ich suche nach einem Halt und finde ihn fast in der Mitte. Es ist die nach hinten gekehrte Hand, die den Arm festhält. Es ist, als wollte die Frau doch noch in Erscheinung treten, als würde sie festhalten wollen, was schon vorbei ist: Die Zeit, ein Gefühl vielleicht, ein Stück Leben in jedem Fall. Fast, als würde der Banalität der Fotografie hastig Wichtigkeit gegeben werden. So wie Momente im Leben unerwartet zu Wegmarken werden, die zunächst ganz nebensächlich aussahen.

Er fängt damit ein, das schon gewesen ist; einen moment der Menschen bevor sie wieder verschwinden. Seine Fotographie hat damit ein tödliches Moment wie roland Barthes beschreibt: „ich erfahre dabei im Kleinen das Ereignis des Todes (...): ich werde wirklich zum Gespenst.“

"20.05." Der Hund, der gerade ins Bild gezogen wird, ist von seinem Herren auf der anderen Seite schon wieder verlassen worden. Die Leine zieht sich als Spur zwischen gewesen und eintreffend durch die Bildmitte und zeichnet den Moment, der sich in der natürlichen Wahrnehmung eigentlich nicht festhalten lässt: Die Zeit selbst. Darin zeigt sich, dass seine Fotografien doch sehr weit weg von der Malerei hin zu einer Dramaturgie driften. Wir verfolgen in der Fantasie die ganze Szenerie der Beziehung Hund und Herr.

Es gibt diesen Moment von dem auch Barthes spricht in dem ich mich in die Bilder verliebe. Es passiert, wenn man die Augen schließt und bestimmte Details haften bleiben. Hier beginnt das lebendig zu werden, was vorher so bedingungslos festgehalten wurde. Ich werde aufgefordert, meine eigene fantasie zu benutzen. Wie in foto "08.10." bei dem eine Frau mit geschlossenen Augen im unteren Bildfeld liegt. Wieder werde ich erst nervös, weil ich plötzlich mit meinem eigenen Sehen konfrontiert werde. Weil ich plötzlich nicht mehr weiß, was ich eigentlich nicht sehe. Aber dann merke ich mir den grünen Faden, der sich durch das Bild zieht und beginne zu verstehen, dass sich die Frau selbst in Ruhe lassen kann. Dass seine Gespenster Trost schenken.

Marco Kaufmann ist auf dem Land aufgewachsen. Ich kann, wenn ich möchte, in den Momenten seiner Fotos die Stille der Natur lesen. Ich kann in den Landschaften seiner Bilder eine natürliche Ruhe finden – eines der höchsten Güter, die uns Kunst vermitteln kann.

Halina Rasinski zur Fotografie von Marco Kaufmann